Herkunft
Ein strenger Großvater und eine Wegweiserin.
Ich bin Michael Köllner, Klavierpädagoge für Erwachsene in Freiburg-Littenweiler. Mit 18 habe ich angefangen zu unterrichten, seitdem sind fast 40 Jahre vergangen.
Zum Klavier bin ich über meinen Großvater gekommen. Er war Musiklehrer an einem Gymnasium und gab nebenbei Klavierstunden. Musik war für ihn etwas Ernstes, beinahe Heiliges. Während er unterrichtete, musste ich draußen warten, und meine allererste Klavierstunde bei ihm ging gründlich schief.

Foto: Michael Köllner · Hintergrund digital gestaltet
Am Klavier meiner Großeltern durfte ich dagegen tun und lassen, was ich wollte. Am liebsten habe ich den Deckel zugeschlagen, sodass die Notenablage auf die schwarzen Tasten knallte. Dieser Klang hat mich fasziniert.
Vor allem aber besaß mein Großvater unzählige Noten. Schon als kleines Kind wollte ich sie anschauen und ausprobieren. Damit war der Grundstein gelegt für etwas, das ich bis heute besonders gut kann: vom Blatt spielen. Seine Noten habe ich lange durch mein Leben getragen, bis mir klar wurde, dass es nur gedrucktes Papier ist. Heutige Ausgaben sind oft näher an der Handschrift der Komponisten als die alten, die Herausgeber noch nach eigenem Geschmack verändert haben.
Eine schöne Wendung: In meinen Zwanzigern habe ich selbst einige seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Sie beschrieben ihn als strengen Lehrer.
Die Lehrerin, die alles verändert hat
An der Jugendmusikschule bekam ich eine neue Lehrerin. Sie war aus der Türkei geflohen. Sie wurde meine Wegweiserin und eine emotionale Bezugsperson, die für meinen ganzen musikalischen Weg ungemein wichtig war. Ich verehre sie bis heute. Bei ihr habe ich erlebt, was Unterricht sein kann, wenn ein Mensch dich wirklich sieht. Dieses Geschenk möchte ich weitergeben.
Musikschule, Gesang und das Blatt vor mir
Rund 15 Jahre war ich selbst Lehrkraft an der Jugendmusikschule in Titisee-Neustadt. Daneben habe ich viel mit Sängerinnen und Sängern gearbeitet, als Korrepetitor, unter anderem bei einer Gesangslehrerin in Basel. Dabei habe ich das Vom-Blatt-Spiel perfektioniert und gelernt, mich ganz auf einen anderen Menschen einzustellen. Einige meiner erwachsenen Schüler kennen mich noch aus dieser Zeit und kommen bis heute zu mir.
Warum Erwachsene
Eine Lücke, die mich nicht losgelassen hat.
Über die Jahre ist mir immer deutlicher geworden, wie stiefmütterlich Erwachsene behandelt werden, wenn sie noch etwas Neues lernen wollen.
Musikschulen wurden in den Siebzigerjahren für die Jugend gegründet, schon der Name Jugendmusikschule sagt es. Weit verbreitete Konzepte für den Klavierunterricht mit Erwachsenen gibt es bis heute kaum.
Dabei sind die Voraussetzungen grundverschieden. Kinder haben Zeit und müssen kein Geld verdienen. Erwachsene bringen Beruf, Familie und Verantwortung mit, einen Körper mit seiner eigenen Geschichte und einen Kopf, der mitdenkt. Wer Erwachsene unterrichtet, muss all das sehen.
Auch mit meinem eigenen Älterwerden wurde mir klar, dass hier eine echte Notwendigkeit besteht. Also habe ich mich selbstständig gemacht und gebe seit rund 15 Jahren das, was ich kann, nur noch Erwachsenen. Diese Nische habe ich seitdem in viele Richtungen ausgebaut und weiterentwickelt.
Ein Neuanfang an der Dreisam
Vor rund 16 Jahren wusste ich: Ich möchte noch einmal neu anfangen, in einer größeren Stadt. Gemeinsam mit meinem Mann bin ich von Titisee-Neustadt nach Freiburg gezogen, und ich habe mein ganzes berufliches Umfeld verändert. Wir hatten das Glück, eine Wohnung in Littenweiler zu finden, am Rand der Stadt, im Vergleich zur Innenstadt ruhig gelegen und mit viel Wald drumherum.
Wenn ich aus dem Wohnzimmer schaue, in dem du Klavier spielen wirst, sehe ich über dem Nachbarhaus viel Himmel, Wolken und erstaunlich oft einen Regenbogen. Etwas weiter ist überall Wald, und drei Minuten entfernt fließt die Dreisam.
Mein Klavier
Ein Pleyel, das ich eigentlich nicht suchte.
Vor etwa 15 Jahren begleitete ich einen Schüler ins Pianohaus Lepthien. Er hatte zwei Klaviere in die engere Wahl genommen: ein Yamaha und ein Pleyel.
Als ich die beiden mit ihm ausprobierte, war ich von dem Pleyel vom ersten Ton an angetan. Eine solche Klangkultur hatte ich noch nie erlebt. Innerlich hoffte ich, dass er erkennt, wie besonders dieses Instrument ist, und sich dafür entscheidet. An ein eigenes neues Klavier dachte ich damals noch gar nicht.
Doch es zeichnete sich ab, dass er das Yamaha nehmen würde. Da dachte ich: So ein wunderbares Instrument. Vielleicht kann ich es mir leisten. Am Ende hat mein Mann es mir geschenkt.
Bis dahin hatte ich auf einem Clavinova unterrichtet. In Titisee-Neustadt hatte ich mein früheres Klavier verkauft, weil ich mir einen Flügel wünschte. Ich fand einen Bechstein, ließ mich als junger, unerfahrener Käufer unter Druck setzen und erfuhr erst danach, dass er einen schweren Schaden hatte. Die Reparatur hätte damals 3.000 bis 4.000 D-Mark gekostet, viel zu viel für einen wenig verdienenden Klavierlehrer. Ich musste ihn für sehr wenig Geld wieder verkaufen, und es reichte nur noch für ein gutes Digitalpiano. Damit bin ich nach Freiburg gekommen.
Umso mehr schätze ich mein Pleyel. Es ist ein sehr eigenes Instrument: unglaublich warm im Klang und trotzdem voller Volumen, mit einer Anschlagskultur, die Freude macht. Nur die weißen Tasten liegen etwas weiter auseinander als gewohnt. Meine Hände mussten sich erst an die größere Spannweite gewöhnen, und manche Stücke, etwa eine Chopin-Etüde, fallen mir darauf bis heute schwer. Aber der Klang berührt mich nach wie vor zutiefst. Auf diesem Klavier wirst du spielen.
Manchmal ist Stille die schönste Musik
Was spiele ich abends, wenn niemand zuhört? Ehrlich gesagt: oft gar nichts. Nach einem Tag mit vielen Schülern sind meine Ohren und mein Kopf voll, und ich bin glücklich, wenn einfach Stille herrscht. Ich kenne also gut, was viele meiner Schüler beschreiben: Man möchte, aber der Alltag lässt einen nicht.
Wenn ich wieder Kraft und Lust habe, mich selbst in ein Stück hineinzubegeben, übe ich zurzeit Schumann. Seine Tiefe, seine Vielschichtigkeit und seine Überraschungen finde ich ungemein spannend, und technisch fordert er mich heraus. Und durch mein ganzes Leben begleiten mich die Etüden von Chopin, zu denen ich immer wieder zurückkehre.
Vorspiele
Bei mir muss sich niemand beweisen.
Deshalb gibt es bei mir keine Vorspiele. Was du am Klavier lernst, ist dein Schatz.
Mich hat immer die unausgesprochene Verknüpfung gestört: Wer Klavierunterricht nimmt, muss auch vorführen, was er gelernt hat. Meist unter dem Deckmantel, ein bisschen positiver Druck bringe einen voran. Als Jugendlicher habe ich das einfach hingenommen. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich es hinterfragt, und heute trage ich diese Tradition nicht weiter.
Sich auf den Präsentierteller zu stellen, liegt nicht in der Natur des Menschen. In unserer Entwicklungsgeschichte kommt das nicht vor, und deshalb fühlen wir uns dabei unwohl. Das ist völlig normal.
Vielleicht spornt ein Vorspiel manche an. Ich behaupte aber: Die wenigsten profitieren wirklich davon. Gerade Erwachsene, die Klavier aus Freude spielen, suchen am Klavier etwas, wo sie entspannen können. Ihr Alltag ist ohnehin voller Anspannung und voller Situationen, in denen sie sich präsentieren müssen. Und ein Vorspiel, das nicht gelingt, hinterlässt bei vielen ein angeschlagenes Selbstwertgefühl, das erst mühsam wieder aufgebaut werden muss.
Ich weiß, wovon ich spreche. Als Jugendlicher habe ich zwei- oder dreimal versucht, auswendig vorzuspielen. Dann bin ich rausgeflogen und nicht mehr hineingekommen, vor allen Leuten. Danach habe ich es nie wieder gemacht. Und ich erinnere mich auch, wie ich mich damals über einen anderen Musiker lustig gemacht habe, der eine Journalistin vor seinem Konzert bat, nicht zu streng über ihn zu schreiben. Heute weiß ich, wie unreflektiert und unsensibel das war.
Zwischen zwanzig und dreißig habe ich mich bewusst gegen jeden Auftritt entschieden. Später habe ich als Korrepetitor noch ein kleines Konzert gespielt, und es ging gut. Seit 25 Jahren trete ich gar nicht mehr auf, und mir fehlt nichts.
Was du lernst, gehört dir. Wenn du dein Schatzkästchen irgendwann für andere öffnen möchtest, ganz bewusst und aus dir selbst heraus, dann ist das wunderbar. Aber es ist deine Entscheidung, nicht meine.
Körper und Tanz
Der Weg zum Klang führt durch den Körper.
Warum klingt ein Ton heute hart und gestern weich? Diese Frage begleitet mich seit Jahrzehnten.
Die Antwort habe ich nicht am Klavier gefunden, sondern in der Körperarbeit: in Kursen in Feldenkrais und Alexander-Technik, in Somatics nach Thomas Hanna, in der Osteopathie und in Tanz und Ballett, die ich seit über 20 Jahren fast durchgehend mache.
In meinen Zwanzigern hatte ich über zehn Jahre lang Rückenschmerzen, vor allem beim Klavierspielen. Rolfing hat mich davon befreit. Danach konnte ich eine Chopin-Etüde und ein Stück von Rachmaninow spielen, an denen ich ein Jahrzehnt lang ohne Fortschritt geübt hatte, ohne Krämpfe in den Armen und ohne Rückenschmerzen. Das ist nicht übertrieben. Seitdem weiß ich: Wer seinen Körper wahrnimmt, kann seinen Klang verändern.
Klavierspielen ist Tanz für die Hände
Im Ballett ist mir noch einmal viel bewusster geworden, wie eng Klavier und Tanz miteinander verbunden sind. Viele Bewegungen, die ich an der Ballettstange trainiere, kannte ich schon vom Klavier: die Weichheit von Armen und Handgelenken und eine Grundspannung, die da sein muss, aber nicht zu hoch sein darf. Im Ballett entsteht daraus das Elegante und Leichte, am Klavier ein freier Klang.
Anderes habe ich erst durch das Tanzen verstanden: wie es sich anfühlt, im Becken geerdet zu sein. Wie ein offener Brustkorb es leichter macht, von einem Ende der Tastatur zum anderen zu kommen und den Überblick zu behalten. Viele Übungen habe ich zuerst im Ballett oder in der Körperarbeit kennengelernt und dann auf Hände, Arme und Oberkörper am Klavier übertragen.
Und dann ist da dieses Versinken im Hier und Jetzt. Wenn ich tanze, sind Alltag und Sorgen weg, ich bin ganz bei mir, wie in einer Blase. Genau das kann auch das Klavier schenken, wenn Zeit, Kraft und Muße da sind.
Haltung
Geduld. Und es geht um dich.
Von meinen Schülern habe ich vor allem Geduld gelernt. Ohne Geduld ist ein Pädagoge nichts.
Im Unterricht geht es nie um mich. Es geht um dein Ziel, deine Verfassung und das, was du mitbringst. Ich kenne den roten Faden und sehe, wo es hakt. Die Lösung finden wir oft gemeinsam, und wenn ich einmal keine Idee habe, sage ich das ehrlich.
Ich habe gelernt, noch genauer zu verstehen, wo es hakt, und es in einfache Worte zu fassen. Und ich habe gelernt, nicht sofort zu reagieren, sondern Abstand zu nehmen und zu sagen: Stopp, darüber muss ich nachdenken. Jahrzehntelange Auseinandersetzung mit mir selbst fließt in jede Stunde ein.
Ich fange immer wieder neu an
Ich begebe mich bewusst immer wieder in Situationen, in denen ich Anfänger bin, um das Lernen aus der anderen Warte zu erleben. Vor 20 Jahren habe ich mit Ballett begonnen. Das war wie ein Ankommen in etwas völlig Neuem: spannend, manchmal mühsam und sehr lehrreich.
Als Anfänger erlebe ich am eigenen Leib, wie es ist, etwas noch nicht zu können. Und ich beobachte genau, wie mir etwas beigebracht wird: was mir hilft, was mich verunsichert und was klarer, logischer und leichter ginge. Daraus lerne ich, und davon profitieren meine Schüler.
Momente
Stunden, die ich nie vergesse.
Es gibt viele davon. Eine trage ich besonders im Herzen.
Eine Schülerin, die viele Jahre zu mir kam, hat bei mir eine Atemübung kennengelernt. Später hat sie diese Übung in schwierigen Lebenssituationen immer wieder gemacht, und sie hat ihr herausgeholfen. Dafür war sie mir sehr dankbar. Das hat mich sehr glücklich und zugleich demütig gemacht.
Und dann sind da die kleinen Momente: Ich sage „Verändere mal diese Bewegung“, und der Ton klingt plötzlich anders. „Hast du es gehört?“ – „Ja, klar!“ Oder ein Schüler kommt mit einem Knoten, und auch ich sehe nicht gleich, woran es liegt. Wir suchen gemeinsam, und meistens finden wir noch in derselben Stunde einen Zugang, und der Knoten löst sich.
In solchen Momenten weiß ich, dass meine Arbeit Sinn hat. Genauso berühren mich die Rückmeldungen, die ich bekomme, wenn jemand nach Jahren aufhört. Sie sind oft so tief und umfassend, dass ich spüre: Diese Menschen nehmen etwas mit, das sie noch lange begleiten wird.
Laßbergstraße · EndhaltestelleAussteigen bitte.
Du bist da. Schön, dass du mitgefahren bist.